Wo Schiffe über Berge fahren

Ostpreußische „Rollberge“ heute einzigartig auf der Welt

Berge zu überwinden ist für Straßen kein großes Problem. Sie winden sich in Serpentinen über die Höhen. Auch Schienenwege lassen sich über Hindernisse führen. Eventuell muß die Zahnradtechnik helfen. Schließlich kann man Straßen und Schienenwege in Tunnels unter dem Hindernis hinwegführen. Anders bei Wasserstraßen. Wasser fließt nun einmal nicht bergauf. Ja, man kann es nicht einmal in einer schiefen Ebene halten. Ist das Gefälle eines Flusses zu groß, wird die Strömung zu stark oder ergeben sich Untiefen muß man ihn aufstauen und damit eine ebene Wasserfläche schaffen. Das aber führt für die Schiffahrt gerade zu einem neuen Hindernis: einer Staustufe. Eine Schiffbarmachung setzt also voraus, daß man eine Technik hat, diese Stufen zu überwinden.

Dafür gibt es grundsätzlich zwei Methoden. Die eine ist, Ober- und Unterwasser durch eine Schleusenkammer (Beispiel: Minden, Verbindung zwischen Mittellandkanal und Weser) zu verbinden, in der die Schiffe durch Heben oder Absenken des Wasserspiegels auf das gewünschte Niveau gebracht werden. Eine andere ist das Schiffshebewerk (Beispiel: Scharnebeck am Elbeseitenkanal oder Niederfinow Oder/Havelkanal), bei dem ein Wassertrog, in den das Schiff hineinfährt wie in einen überdimensionalen Fahrstuhl, hinauf- oder heruntergefahren wird.

In Ostpreußen – und heute wohl noch allein dort – praktiziert man seit über hundertdreißig Jahren eine dritte, allerdings nur auf kleinere Schiffseinheiten (bis zu 70 Tonnen) anzuwendende Methode: die der Rollberge.

Vor rund einhundertdreißig Jahren wuchs im sogenannten Oberland – das ist die Gegend um Osterode in Ostpreußen und Deutsch-Eylau – das Bedürfnis, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Holz nach Norden ans Meer und Industriegüter, Kohle und Dünger, ins Landesinnere zu schaffen.

Nun gibt es dort zwar viele Seen, die aber keine Verbindung miteinander hatten und zudem auf unterschiedlichem Niveau lagen. Es entstand die Idee, diese Seen durch einen Kanal in Richtung Ostsee zu verbinden. Das Problem lag aber darin, daß von Osterode bis Elbing ein Höhenunterschied von 104 Metern zu überwinden war, was den Bau von 32 Schleusen erfordert hätte. Das war allein aus Kostengründen nicht zu verwirklichen.

Der Königsberger Baumeister Steenke fand die Lösung: er baute „Rollberge“ (oder ,,geneigte Ebenen“, wie sie auch genannt wurden) nach dem Vorbild des Morris-Channels (frühere Verbindung zwischen East-River und Hudson-River im Norden Manhattans/ New York). Die Rollberge mußten auf 15 Kilometer Strecke zwischen Buchwalde und dem Drausen-See jeweils exakt 21 Meter Höhenunterschied überwinden.

Die Rollberge sind schiefe Ebenen, die mit einer Steigung von zirka 25 Grad den Unterlauf des Kanals mit dem Oberlauf verbinden. Auf zwei parallel verlaufenden Schienenpaaren mit einer Spurweite von 3,27 m die auf dem Grund des Unterlaufs beginnen und auf dem Grund des Kanal-Oberlaufs enden, läuft je ein Rollwagen, der einem Trockendock auf Rädern ähnlich sieht. Beide Rollwagen sind durch ein Endlos-Seil so verbunden, daß ein Rollwagen auf dem Grund des Kanal-Unterlaufs steht, wenn der andere auf dem Grund des Oberlaufs hält. Das Seil wird von dem einem Rollwagen über waagerechte und senkrechte Umlenkräder und zwischen den Schienen über Rollen durch ein Maschtinenhaus am oberen Kanalteil geführt, bevor es über weitere Umlenkräder den anderen Rollwagen erreicht.

Der Clou ist der Antrieb der gesamten Anlage. Er erfolgt ausschließlich mit Wasserkraft. Das Antriebsseil wird im Maschinenhaus von einem ca. 2 m breiten Wasser-Schaufelrad von 8,50 m Durchmesser angetrieben. Ein dickes Rohr führt Wasser aus dem oberen Kanalteil über das Schaufelrad, sobald – auf ein ,,Fertig“-Zeichen hin – das Ventil geöffnet wird. Das Wasser (370 cbm je ,,Schleusung“) entwickelt eine Energie von 60 PS. Diese relativ geringe Leistung reicht zur Bewegung der Rollwagen über die schiefe Ebene aus, denn an beiden Seilenden hängt ja eine nahezu gleiche Last.

Hinter dem Schaufelrad wird das Wasser, das seine Antriebsaufgabe erfüllt hat, in einem paralell zum Rollberg geführten schmalen Kanal in die untere Kanalfortsetzung geleitet. Die ganze ,,Schleusung“ dauert etwa 15 Minuten.

Von Elbing bis Osterode – eine Strecke von 81 Kilometer – beträgt die Fahrzeit etwa zehn Stunden. Die Fahrt geht zunächst durch den Drausen-See, der langsam verlandet und ein Vogelparadies ist. Vom Schiff aus kann man hunderte von Reihern, Kormoranen, Störchen und viele andere Vogelarten beobachten. Weiter fährt das Schiff dann in einem künstlichen Kanalbett, das stellenweise kaum mehr als Schiffsbreite hat, durch die zauberhafte ostpreußische Landschaft und führt über die fünf Rollberge Kußfeld, Hirschfeld, Schönfeld, Kanten und Buchwalde, wo übrigens das Denkmal des Kanalerbauers zu sehen ist.

Der Oberländische Kanal wird noch heute befahren. Morgens um 8 Uhr startet ein Schiff von Elbing in Richtung Osterode und zu gleicher Zeit eines von Osterode in umgekehrter Richtung. Das Elbinger Schiff hat gegen 12 Uhr alle fünf Rollberge passiert und setzt seine fahrt von Buchwalde aus auf den oberländischen Seen fort. Das Osteroder Schiff erreicht Buchwalde gegen 14 Uhr und passiert dann die Rollberge abwärts. Buchwalde ist der geeignete Ort um (um die Mittagszeit) die „Schleusungen“ zu beobachten. Dort ist auch ein Museum zu besichtigen und das Maschinenhaus zu bestaunen. Ein Erlebnis ist natürlich eine Fahrt auf dem Kanal. Fahrten auf dem Oberländischen Kanal werden von einigen Reiseveranstaltern, die nach Ostpreutßen fahren, angeboten. Man sollte es sich nicht entgehen lassen, dieses einmalige, umweltschonende und wohl kurioseste Schiffshebewerk zu erleben.