Die Kurische Nehrung

Es war einmal die Riesin Neringa. Die lebte an der Ostsee, im Meer. Sie glättete die stürmischen Wogen, um die Fischer zu beschützen. Aber immer wieder waren die Wellen stärker als sie. So baute sie einen langen Wall, um die Fischer zu schützen, die Kurische Nehrung. Soweit die Sage.

Die Wirklichkeit ist nüchterner. Die Kurische Nehrung, die ihren Namen vom Volk der Kuren ableitet, entstand vor 7000 Jahren durch Sandanspülungen. Im Laufe der Zeit wuchs dichter Wald, der aber ab dem 16. Jahrhundert fast vollständig gerodet wurde. So konnte der ständige Nordwest-Wind den Sand an der Meerseite aufwehen und im Hinterland zur Haffseite zu hohen Dünen auftürmen, die sich fast über die gesamte Nehrung erstreckten. Die Sandberge wanderten stetig – mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern im Jahr – in Richtung Osten auf die dort liegenden Dörfer der Fischer zu und begruben sie unter sich.
Viele Dörfer wurden – zum Teil mehrfach – verschüttet, so die Orte Negeln, Karwaiten, Kunzen, Lattenwalde, Nidden, Neustadt, Pillkoppen, Preeden. Von den verschütteten Dörfern ist wenig oder nichts übriggeblieben, nur einige Friedhöfe haben „überlebt“. Die Dörfer Nidden und Pillkoppen sind an anderer Stelle wiederaufgebaut worden. Die ostpreußische Dichterin Agnes Miegel hat in ihrem Gedicht „Die Frauen von Nidden“ den Untergang des Dorfes bei der großen Pest beschrieben.
Der Forstschutzbeamte der Memeler Kaufmannschaft, Düneninspektor Franz Epha, hat es mit seiner Strauch-Methode geschafft, mehrere Wanderdünen bei Rossitten, Nidden, Pillkoppen, Schwarzort und Perwelk zum Stillstand zu bringen. Die Epha-Höhe bei Pilkoppen, eine der bezwungenen Dünen, ist nach ihm benannt. Sein Grab auf dem Friedhof von Rossitten wird noch heute gepflegt.

Die 98 km lange Nehrung beginnt hinter Cranz (Selenogradsk). Die Nehrungsstraße hat ihren Anfang (km 0) hinter dem Cranzer Hafen. Die Kilometerschilder stehen im russischen Teil auf der Haffseite der Straße, im litauischen auf der Seeseite. Bei km 3,8 beginnt das Naturschutzgebiet (Schranke), das nur gegen eine Gebühr zu betreten und befahren ist.
Nach 11 km ist Sarkau (Lesnoje) erreicht. Bei km 14, an einer Stelle, wo die Nehrung nur 350 m breit ist, brach 1983 bei einem Sturm die Nehrung durch. Die Bruchstelle konnte in tagelanger Arbeit wieder geschlossen werden.
Bei km 15 liegt, nach etwa 5 Minuten Fußweg zur Haffseite, das Nehrungsmuseum.
Bei km 23 erreicht man nach kurzem Fußweg durch den Wald zur Haffseite die Feldstation Fringilla (Buchfink) der Vogelwarte Rossitten. Hinter der Feldstation sind gewaltige Dünenberge. Vor ihnen am Waldrand stehen die großen Fangnetze, in denen die Vögel gefangen und nach Vermessung und Beringung durch die Station wieder frei gelassen werden. Der Ort Rossitten (Rybatschi) liegt etwas weiter nördlich. Hinter der Kirche liegt das Hauptgebäude der Vogelwarte. Auf dem Friedhof (etwa 500 m südlich von Rossitten) liegen die restaurierten gräber von Franz Epha und Johannes Thienemann, dem Gründer der Vogelwarte. In den 20er und 30er Jahren war Rossitten das Zentrum des Segelflugs.
11 km hinter Rossitten biegt eine Straße zur Haffseite ab, die nach Pillkoppen (Morskoje) führt. Von dieser Straße rechts ab führt ein Weg zur Epha-Höhe, die von einem Aussichtspunkt einen herrlichen Blick über das Dünengebiet an der Haffseite von Rossitten bis zur großen Düne bei Nidden bietet.
Bei km 50 erreicht man die russisch-litauische Grenze.
Der erste Ort im litauischen Teil ist Nidden (Neringa-Nida), ein Fischerdorf, in dem sich in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts viele Künstler niederließen. Das Thomas-Mann-Haus auf dem Schwiegermutterberg ist restauriert worden und beherbergt ein Museum. Besonders sehenswert sind die Kirche und der Friedhof mit eigenartigen, verwitterten Grab-Brettern der Kuren.
Weiter in nördlicher Richtung folgen die Fischer-Dörfer Preil (Neringa-Preila) und Perwelk (Neringa-Perwelka).
Einer der ältesten Nehrungsorte ist Schwarzort (Neringa-Juodkrante). Vor Schwarzort an der Seeseite der Nehrungsstraße liegt der Hexenberg, über den ein Märchenpfad mit vielen kunstvoll geschnitzten Holzfiguren führt. Schon im Jahre 1854 begann die Firma Stantien&Becker in Schwarzort mit der Bernsteinbaggerei, durch die die Bernsteinbucht, der heutige Hafen, entstand. Nach Erschöpfung der Vorkommen wurde die Bernsteinförderung nach Palmnicken verlegt.
An der nördlichen Spitze der Nehrung, die bei den Memelnern „Süderspitze“ heißt, weil man von dort aus nach Süden auf die Spitze blickt, liegt Sandkrug (Smiltyne). Sandkrug gehört nicht mehr zur Gemeinde Neringa, sondern ist ein Vorort von Memel, mit dem es durch eine Fähre verbunden ist. Im Jahre 1866 wurde auf der Spitze ein Fort gebaut, das heute ein sehenswertes Meeresmuseum beherbergt.