An den Küsten der Ostsee kann man ihn ab und zu noch finden, den Bernstein. Es sind versteinerte Harztropfen von Bäumen, die vor Millionen von Jahren dort wuchsen, wo sich heute die Ostsee befindet. Bernstein gibt es in vielen Gegenden der Erde, jedoch nirgendwo in der Menge wie an den Ufern der Ostsee. Betrachtet man ein klares Bernsteinstück, so hat es den Anschein, als befände sich ein goldenes Licht in dem weichen und warmen Bernstein. Das hat die Menschen über Jahrtausende entzückt.

Schon vor 30.000 Jahren fanden Jäger und Fischer den Bernstein, der ein Alter von 35 - 55 Millionen Jahren hat, und bearbeiteten ihn. Geschliffener und eindrucksvoll verzierter Schmuck wie auch meisterhaft hergestellte Tierfiguren beweisen uns, daß auch die Menschen der Steinzeit und später noch von der Verzauberung des Bernsteins beeindruckt waren. Ein großer Teil des Bernsteins, der in die Gräber der Reichen gelegt wurde oder der auch von griechischen und römischen Künstlern verarbeitet wurde, stammte von den Küsten der Ostsee. Das Gold der Ostsee gelangte durch das weitverzweigte Netz des Tauschhandels und des Austausches von Geschenken in die südlichen Regionen Europas (Bernsteinstraße).

Der honiggelbe Bernstein war für die Römer von größerem Wert als der Besitz eines Sklaven. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet in seiner berühmten »Germania«, daß die Leute im Norden den Bernstein „glaesum“ nannten, daß sie ihn im seichten Wasser oder angeschwemmt am Strand sammelten und ihn in seiner rohen Form, ohne ihn weiter zu bearbeiten, verkauften und mit Verwunderung die Bezahlung der römischen Kaufleute entgegennahmen. Mehrere Funde in Gräbern und in der Nähe von Siedlungen widerlegen aber eindeutig die Darstellung Tacitus. Auch in Ostpreußen verstand man es, den magischen Bernstein zu verarbeiten. Perlen, Amulette, Figuren und Spielsteine, die sich in großer Anzahl in den Ausstellungskästen der Museen befinden, zeugen von der immerwährenden Freude der Menschen am ostpreußischen Gold. An der samländischen Küste ist der Bernstein in großen Vorkommen zu finden. Der Bernsteinhandel zwischen den Bewohnern des Samlandes (Pruzzen, Samen, Aestier) begann im letzten Jahrundert vor Christi Geburt. Das größte Fundstück soll 6,5 kg gewogen haben. Besonders auf der Höhe des Fischerortes Schwarzort auf der Kurischen Nehrung gab es reichliche Funde.

Was ist nun dieser Bernstein, wie ist er entstanden, wie wird er gewonnen?

Der Bernstein ist wissenschaftlich gesehen ein Liptobiolith, der zu den sogenannten Kaustobiolithen gehört. Die Namen gehen auf die griechischen Wörter liptos = zurückgelassen, kaio = brennen, bios = Leben und lithos = Stein zurück. Daraus ergeben sich schon seine Eigenschaften: Es ist ein Stein aus lebendem Material (Harz), das brennbar ist und zurückgelassen wurde, nämlich in der Eiszeit, als die großen skandinavischen Bernstein-Urwälder (Urfenoscandia) untergingen und das Eis über das Gebiet der heutigen Ostsee nach Süden wanderte. Die Griechen nannten ihn „Elektron“, was auf eine weitere Eigenschaft hindeutet: Echter Bernstein lädt sich elektrisch auf, wenn man ihn z.B. mit einem Wolltuch reibt. Er zieht dann leichte Papierschnnipsel an wie ein Magnet. Die Römer nannten ihn „Glaesariae“, nach ihrem Wort glaesum = Glas. Die Engländer nennen den Bernstein übrigens amber, weil man früher auch einmal der – irrigen – Meinung war, es handele sich um Walfisch-Ambra, einem Stoffwechselprodukt des Pottwales.

Der Bernstein kommt meist in Form unregelmäßigen Knollen, Zapfen oder Tropfen vor, wie sie an der Oberfläche harzender Bäume entstehen, aber auch als Fliesen oder Platten. Die größten Bernsteinvorkommen wurden zweifellos an der Samlandküste entdeckt, aber auch an der übrigen Ostseeküste von Ostpreußen, Pommern, Mecklenburg, ja bis Schleswig – Holstein, und im Landesinneren z.B. bei Magdeburg und bis hinunter nach Oberschlesien hat man ihn gefunden. Bernsteinvorkommen gibt es aber auch in Afrika und Südamerika.

Der Bernstein wurde zunächst an der Küste entdeckt, von der Brandung aufgeworfen oder nach Stürmen angeschwemmt. Die Menschen sammelten ihn und entdeckten, besonders, wenn sie ihn bearbeiteten (polierten), seine Schönheit und erlagen seiner Faszination. Wenn sie nicht bis zum nächsten Sturm warten wollten, fischten sie ihn mit Netzen aus den Meer. Beide Gewinnungsarten werden z.T. noch heute verfolgt, aber mehr von Touristen und mit sehr mäßigem Erfolg.

Welche Bedeutung dieser Bernstein als Handelsware hatte, geht nicht nur daraus hervor, daß er bis nach Griechenland, Rom und Ägypten gehandelt wurde, sondern auch daraus, daß noch bis 1881 (zeitweise bei Todesstrafe) der private Besitz von Bernstein verboten war.

Mitte vorigen Jahrhunderts ging man dazu über, die Bernsteinvorkommen kommerziell auszubeuten, nachdem man entdeckt hatte, daß der Bernstein auch unter dem Meeresboden zu finden ist. Nach Erfindung des Taucheranzuges um etwa 1865 hat die Firma Stantien und Becker auf einem Steinriff bei Brüsterort, dem Nordwestkap des Samlandes mit großem Erfolg nach Bernstein tauchen lassen. Um 1855 wurde auch mit der Naßbaggerei vor Schwarzort auf der Kurischen Nehrung begonnen. 450 kg waren es in diesem Jahr, die der Gastwirt Wilhelm Stantien und der Kaufmann Moritz Becker erwirtschafteten. Vor 1890 arbeiteten hier fast 1.000 Menschen mit 22 Baggern. Zwischen 1860 und 1890 wurden durchschnittlich 75.000 kg Bernstein pro Jahr gewonnen. Danach gingen die Funde zurück und die Arbeit wurde eingestellt.

In dieser Zeit wurden auch viele bearbeitete Bernsteinfunde aus früherer Zeit gemacht. Diese Sammlung ist unter dem Namen ,,Schwarzorter Bernsteinschatz" bekannt geworden. Sie befindet sich heute im Besitz der Universität Göttingen.

1867 erwarb die Firma Stantien und Becker auch die Schürfrechte im Tagebau in Palmnicken, wo größere Vorkommen gefunden worden waren. Der Tagebau lag direkt am Strand z. T. unterhalb der Wasseroberfläche. Die durchschnittliche Tagesförderung betrug 1.250 kg. 1922 mußte der Untertagebau eingestellt werden.

Nach dem letzten Krieg wurde die Bernsteinproduktion wieder aufgenommen. Dazu wurde ein neuer Tagebau in der Nähe von Palnmicken, aber mehrere Kilometer landeinwärts angelegt. Hier wird noch heute produziert, und der größte Teil der Einwohner lebt von der Gewinnung und Verarbeitung des Bernsteins. Die Grube kann man noch besuchen, die Fabrikation nicht. Bernstein-Museen befinden sich in Königsberg in den alten Festungsanlagen am Friedländer Tor und in Polangen (Litauen) im sogenannten Bernsteinschloß.







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