Die Frauen von Nidden
von Agnes Miegel
Die Frauen von
Nidden standen am Strand
Über spähenden Augen die braune
Hand,
Und die Boote nahten in wilder Hast,
Schwarze Wimpel
flogen züngelnd am Mast.
Die Männer
banden die Kähne fest
Und schrieen: Drüben wütet
die Pest!
In der Niederung von Heydekrug bis Schaaken
Gehn die
Leute im Trauerlaken!"
Da sprachen die
Frauen: Es hat nicht Not,
Vor unsrer Türe lauert
der Tod,
Jeden Tag, den uns Gott gegeben,
Müssen wir
ringen um unser Leben,
Die wandernde Düne
ist Leides genug,
Gott wird uns verschonen, der uns schlug
Doch
die Pest ist des Nachts gekommen
Mit den Elchen über das Haff
geschwommen.
Drei Tage lang,
drei Nächte lang,
Wimmernd im Kirchstuhl die Glocke klang.
Am
vierten Morgen, schrill und jach,
Ihre Stimme im Leide brach.
Und in dem Dorf,
aus Kate und Haus,
Sieben Frauen schritten heraus.
Sie
schritten barfuß und tiefgebückt,
In schwarzen
Kleidern, buntgestickt.
Sie klommen die
steile Düne hinan,
Schuh und Strümpfe legten sie an
Und
sie sprachen: Düne, wir sieben
Sind allein noch
übriggeblieben.
Kein Tischler lebt,
der den Sarg uns schreint,
Nicht Sohn noch Enkel, der uns
beweint,
Kein Pfarrer mehr, uns den Kelch zu geben,
Nicht
Knecht noch Magd ist mehr unten am Leben,
Nun, weiße
Düne, gib wohl acht:
Tür und Tor ist Dir aufgemacht,
In
unsre Stuben wirst Du gehn
Herd und Hof und Schober verwehn,
Gott vergaß
uns, er ließ uns verderben.
Sein verödetes Haus sollst
Du erben,
Kreuz und Bibel zum Spielzeug haben,
Nur,
Mütterchen, komm uns zu begraben!
Schlage uns still
ins Leichentuch,
Du unser Segen, einst unser Fluch.
Sieh, wir
liegen und warten ganz mit Ruh",
Und die Düne kam
und deckte sie zu.